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#063 – Von Vik i Myrdal nach Borgarnes

31. Mai bis 5. Juni 2026: Ich gewöhne mich an das wechselhafte Wetter, jedoch nicht an den zunehmenden Verkehr auf der Ringstraße und verlasse diese gen Norden. Touristische Brennpunkte wie Skógarfoss und þingvellir, aber auch unbekannte Naturschönheiten liegen auf meinem Weg.

31. Mai 2026: Noch ein Ruhetag in Vik

Das Wetter wird ganz langsam besser. Es stürmt nicht mehr so gewaltig und der Regen hat nachgelassen. Doch die Wolken hängen tief. Ich bin recht im Frieden damit, denn ich habe Zeit, einen trockenen Aufenthaltsraum, Einkaufsmöglichkeiten um die Ecke, also alles Wesentliche. Und ich habe nicht nur Zeit, das Wissen darum, sondern kann mein Festsitzen auch annehmen. Die Stimme in mir, die "Weiter! Weiter!" ruft, wie so häufig und in unterschiedlicher Intensität, ist still.

Tief treffen mich dagegen die vielen Fahrzeuge, Campervans und PKWs, die hier auf dem Campingplatz in Massen dicht an dicht stehen. Ausdruck eines übermäßigen Tourismus. Sie nerven natürlich auch auf der Straße.

Die Auswirkungen sind bekannt: Lärm, Kohlendioxid, Bedrängnis, Unfallgefahr, Gischtwolken. Hinzu kommt, dass die allermeisten der Insass*innen mit dem Flugzeug anreisen. Das in Zeiten, in denen das Klima in großen Schritten den Bach runtergeht. An den isländischen Gletschern eindrücklich zu sehen. Man muss kein superreicher Ego-Spinner sein. Es reicht, zu den reichen zehn Prozent der Bevölkerung zu gehören, die sich Flüge leisten können. Und Verstand und Herz ausschalten?

Ich verstehe die Sehnsucht der Menschen nach unberührter Natur. Aber sie zugleich zerstören? Woher kommt diese Gedankenlosigkeit? Und merken sie nicht, dass sie nicht nur physisch die Natur zerstören, sondern ihr auch den Zauber nehmen? Letzteres schmerzt mich fast am meisten. Ich bin schon etwas ratlos und hilflos angesichts dessen und glaube nicht, dass die Menschheit das Problem alleine mit technischen Neuerungen gelöst bekommt. Ich glaube, wir müssen den ökonomischen Wachstumszwang überwinden. Das funktioniert nur, wenn wir uns auf unsere basalen Bedürfnisse besinnen. Dann dürfte es auch ein Gewinn und kein Verzicht für jeden einzelnen Menschen werden. Und für die Menschheit insgesamt.

Ich für meinen Teil bin dankbar, mit dem Rad unterwegs zu sein, und vor allem dafür, viel Zeit zu haben. Beides ermöglicht es mir, einsame Wege und Orte zu finden. Touri-Highlights sind nur Notprogramm und oft suche ich schnell wieder das Weite, denn Verbundenheit mag keine entstehen.

Und was hat das mit mir zu tun? Wo bin ich selbst meiner Umwelt und mir selbst gegenüber rücksichts- und gedankenlos? Im negativen Erleben meiner Analyse stecken zu bleiben hilft ja überhaupt nicht weiter. Meinen eigenen Konsum einschränken? Mich politisch engagieren? Tiefer gehen in meine Wahrnehmungen und Empfindungen? Derzeit habe ich keine Antworten darauf.

Gestern Abend habe ich noch Fanny, eine Archäologin aus Lille kennengelernt. Sie wandert und ist ohne Auto unterwegs. Sehr sympathisch. Solche Leute könnte es gerne mehr geben.

Nachmittags mache ich mich auf den Weg zum Puffinberg. Es regnet nicht mehr, aber irgendwie regnet es auch nicht-nicht. Die Wolken hängen tief, es gibt immer wieder heftige Böen und der Wind treibt Nieselschleier übers Land. Auf dem Berg arbeite ich mich mühsam durch Wolken und Wind. Es wird doch nicht eine Windböe kommen und mich über die Steilküste schubsen? Auf halbem Weg dreh ich lieber um. Zu sehen ist eh nicht viel.

Beim Abstieg sehe ich plötzlich blauen Himmel über mir. Sonst überall Wolken außer unter meinen Füßen. Bin ich im Islanddelirium? Zurück auf dem Campingplatz treffe ich zwei Radler aus England und noch zwei aus Berlin. Ein kleiner Regenbogen erscheint. Nach meinem Abendmahl radle ich zur Küste und sehe ganz klein Papageientaucher hoch oben im Fels und flatternd in der Luft.

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