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Kirgisistan 2021 - Issyk Kul und Alakul, Karakol und Jyrgalan

Freitag, 9. Juli 2021

Am Issyk Kul, 50 km, 300 Höhenmeter

Durch eine Schlucht radle ich die letzten paar Kilometer bis zum See. Ich will gleich an und ins Wasser und da ist auch schon ein Strand mit Menschen. Beim Näherkommen sehe ich allerdings, dass kein Mensch badet, sondern alle angeln. Den ganzen Strand lang und auch von Schlauchbooten aus. Kein guter Platz zum baden und so kehre ich um und schiebe mein Rad durch den Sand wieder hoch zur Straße.

 

Ich habe allerdings gesehen, dass auf der anderen Seite der kleinen Bucht auch ein Strand ist mit weniger Menschen. Es gibt sogar einen Steg und ein Häuschen, das vielleicht ein Lädchen ist, denn die Sonne brütet ganz schön und Durst hab ich auch. Doch auch diesmal wird es nichts, denn das Areal ist eingezäunt und am Zugang steht „Quarantäne“. Kein übles Ambiente!

 

Ich brauche jetzt erstmal was zu trinken und fahr die fünf Kilometer bis Tosor nach Osten, dann wieder zurück und weiter nach Westen. Schon kurz darauf entdecke ich einen einsamen wunderschönen Strand und schwupps bin ich im klaren, erfrischenden Wasser.

Bis zum Skazka- oder auch Fairytale-Canyon ist es nicht weit und ich schaue mir mit einige anderen Touristen die bizarren und bunten Felsformationen an. Ich treffe auf Jasgul, eine fließend deutsch sprechende Kirgisin, die eine Reiseunternehmen in Dresden hat und Trekkingtouren in Kirgisistan anbietet. Ich informiere mich bei ihr über eine Tour zum Ala-Kul-See und zum Engylchek-Gletscher. Das könnte was werden.

Ich habe noch Zeit und fahre auf der Uferstraße Richtung Karakol. Der Verkehr nervt etwas. Ich habe ein Jurtencamp ins Auge gefasst, zumindest um etwas zu essen. Doch es von einer Mauer umgeben und ich finde keinen Zugang. So komme ich in einem kleinen Hotel etwas weiter unter.

Samstag, 10. Juli 2021

Unterwegs nach Karakol, 90 km, 600 Höhenmeter

Ohne nennenswerte Steigungen geht es auf der Küstenstraße immer geradeaus. Der Verkehr ist anfangs mäßig, nimmt dann aber zu und nervt. Die Autos rasen und lassen oft wenig Abstand. Manche hupen mich vom Asphalt. Ich muss immer konzentriert bleiben und brauche eine Pause. Ein Abzweig zum See führt zu einem Campingplatz. Dort ist gelassene Urlaubsatmosphäre. Allerdings ist es bedeckt und frisch und da kommt auch schon der zweite Schauer für den heutigen Tag.

Nach 50 km gebe ich es auf, mir einen zehn Zentimeter breiten Asphaltstreifen zu behaupten und weiche auf den zwei Meter breiten Seitenstreifen aus. Und siehe da, der befährt sich kaum schlechter als der ruppelige Asphalt. Ich kann mir gefahrlos Musik auf die Ohren machen, in die Landschaft gucken und genieße das letzte Teilstück bis Karakol.

 

Karakol ist ein sehr beschauliches Städtchen, wenig Verkehr, viele kleine, ältere Häuschen neben den unvermeidlichen quadratischen Zweckbauten. Ich bekomme ein kleines Zimmer bei einer freundlichen Familie und gehe nach dem Duschen noch etwas in der ausgestorbenen Stadt essen.

Sonntag, 11. Juli 2021

In Karakol

Sonntags früh ist in Karakol immer Viehmarkt und da ich früh wach bin, latsche ich hin zu einem abgelegenen Platz am Stadtrand. Auf dem Weg dorthin werden auch eine Kuh und zwei Schafe spazierengeführt, auf dem Platz werden aber leider nur alte Autos verhökert. Intuitiv schaue ich noch ne Ecke weiter und siehe da, alles voller Vierbeiner, Schafe, Ziegen, Kühe und Pferde. Auf einem großen Platz, teilweise überdacht stehen sie mit ihren Besitzern rum und warten auf Kundschaft.

Zurück in meinem Gastinitsa bekomme ich ein sehr einfaches Frühstück: Tee, Brot, Butter, Marmelade. Dann mach ich mich auf den Weg zum Büro des CBT (Community Based Tourism). Mit Azamat hatte ich im Vorfeld per Email Kontakt und ein Permit für die Grenzregion zu China bestellt, denn dort will ich als nächstes hin (25 €). Ich informiere mich auch über Wandertouren und buche eine Dreitagestour mit Guide zum Ala-Kul-See (130 €). Auch Wanderstiefel (3 € pro Tag) und Wandersocken dazu (1 € pro Tag) leihe ich mir.

 

Ich spaziere noch durch die Stadt. In einem Café unterhalte ich mich mir drei jungen Israelis. Das Historische Museum hat schon zu, die russisch-orthodoxe Holzkirche auch. Sie ist aber auch von außen sehenswert.

Montag, 12. Juli 2021

Zum Ala-Kul-See, 15 km, 1400 Höhenmeter

Im CBT-Büro treffe ich Nurgazy, meinen Wanderführer. Ein junger Bursche, 22 Jahre alt, freundlich, eher nicht so redselig und mit beschränkten Englischkenntnissen. Macht nichts, wir sind uns sympathisch und über die wichtigen Sachen können wir uns auch so verständigen, wenn auch manchmal schleppend. Er studiert Medizin, ist also ein schlaues Köpfchen, und will Kinderarzt werden. Als Wanderführer ist er super kompetent und ich habe volles Vertrauen in ihn. Er kümmert sich auch geduldig um mich lahme Schnecke.

Azamat fährt uns bis in das Karakoltal in den Nationalpark Ala-Kul. Wir starten auf 2.100 m Höhe. Erst geht es zwei, drei Stunden gemächlich das Tal aufwärts. Das Wetter ist nicht so pralle und bald fängt es an zu regnen. Ich zieh meine Regenjacke an. Nurgazy hat nichts dergleichen. Auch sonst keine Jacke. Er stülpt einen dünnen Plastiksack über seinen Rucksack. Das war´s. Uff, denke ich, der ist ganz schön abgebrüht und ich Wohlstandsbürger verweichlicht.

Über eine wackelige Holzbrücke auf 2.500 m Höhe überqueren wir den Karakol. Jetzt geht es auf schmalem Pfad steil bergauf, fünf Stunden lang, über 1.000 Höhenmeter. Ein roh geführter Weg mit vielen unschönen, steilen Schotterpassagen. Die in der Karte verzeichneten Jurtencamps existieren dieses Jahr mangels Kundschaft nicht. Immer mal wieder rollen Donner über unsere Köpfe und es regnet, aber nur kurz und ab und zu blinzelt die Sonne durch. Regenjacke macht da nicht viel Sinn. Ich werde immer langsamer, mein rechter Knöchel schmerzt, aber am Abend haben wir es geschafft. Wir sind am See, der milchig blau leuchtend unter uns liegt, 3.500 m hoch, am Ufer eine Handvoll Zelte. Kurzes Abendbrot und gute Nacht.

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Dienstag, 13. Juli 2021

Über den Ala-Kul-Pass ins Araschan-Tal, 14 km, 400 Höhenmeter rauf, 1.400 m runter

Im Schneckentempo geht es durch die dünne Luft auf den Pass, 3.892 m hoch. So hoch war ich noch nie. Die Aussicht auf den See, den ihn speisenden Gletscher und die umliegenden Berge ist großartig. Das Wetter spielt mit, wolkig mit vereinzelten Sonnenflecken.

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Auf der anderen Seite geht es erst steil über losen, aber gut begehbaren Schotter bergab und dann stundenlang durch das Keldeke-Tal. Zweimal müssen wir den nicht ganz schmalen Fluss queren, von Stein zu Stein springend und über einen Baumstamm balancierend – nicht so meine Lieblingsdisziplin. Meine Füße schmerzen von der endlos Latscherei, die Beine sind müde und wollen nicht mehr so gerne. Radfahren ist doch etwas anderes als einen Tag 1.500 Höhenmeter rauf und am nächsten Tag wieder runter, das ganze mit mittelschwerem Rucksack mit Zelt und Schlafsack dabei. Aber langsam in meinem Tempo geht es und Nurgazy passt sich geduldig an.

Um vier Uhr sind wir an unserem Camp bei den Hot Springs. Einmal baden im 40 Grad warmen Wasser, deutlich angenehmer als vor Tagen bei „kochend heißen“ 54 Grad. Abendessen in der Jurte und ab ins Zelt mit Aussicht auf den Fluss.

Mittwoch, 14. Juli 2021

Zurück nach Karakol, 11 km, 600 Höhenmeter runter

Nachts hat es viel geregnet und morgens liegt der frisch beschneite Bergriese am Ende des Tales in der Sonne. Der Palatka-Peak, 5.200 m hoch, heißt so, weil er aussieht wie ein Zelt. Die verschiedenen Camps liegen auf die saftig grünen Wiesen verteilt in der Morgensonne.

Dreieinhalb Stunden wandern wir gemächlich das schöne Tal neben dem rauschenden Fluss abwärts. Dann holt uns Azamat ab und fährt uns zurück nach Karakol.

Den Rest des Tages erhole ich mich. Ich bewege mich jetzt doch etwas eckig und habe Mühe, Stufen runterzugehen. Die Beine wollen nicht mehr so richtig. Ich besuche noch das jetzt geöffnete Historische Museum mit einigen interessanten archäologischen Stücken, zum Beispiel ein sehr gut erhaltener, bestimmt 50 Liter fassender und 2.000 Jahre alter Kupferkessel, einer Tschingis-Aitmatow-Ecke und einer üppigen Ausstellung ausgestopfter einheimischer Tiere.

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Donnerstag, 15. Juli 2021

Von Karakol nach Jyrgalan, 60 km, 800 Höhenmeter

Bevor ich mich auf den Weg mache, schaue ich mir noch die bunte Dunganische Moschee an. Der Verkehr auf der Straße nervt, nimmt aber zum Glück nach jeder Ortschaft weiter ab. Rechts von mir hängen die Berge in den Wolken, auch ich werde feucht, links erstreckt sich eine weite Ebene mit grünen Feldern.

Nach 40 km biege ich Richtung Jyrgalan ab. Rechts geht es nach Engylchek, 100 km. Da komme ich dann in ein paar Tagen zurück. Die Straße nach Jyrgalan wird bald zur Schotterpiste und die Sonne kommt raus. Zwischen leuchtend grünen, saftigen Weiden geht es das Tal hoch. Die Berge sind sanft geformt und wie mit grünem Samt überzogen, zum Kontrast wachsen kleine Fichtenwäldchen. Jyrgalan macht einen recht ordentlichen Eindruck, zeigt also deutlich weniger Verfallserscheinungen als viele andere Ortschaften. Ich komme im Guesthouse Salamat bei Naisira unter.

Freitag, 16. Juli 2021

Jyrgalan, Wanderung zum Tundaluu-See

Heute will ich mir einen ruhigen Tag gönnen. Meine Beine sind von der Wanderung immer noch ganz schön beansprucht. Treppe runter würde ich am liebsten auf allen Vieren gehen. Ich will eine gemütliche Tagestour zum Tundaluu-Kul machen. Erst geht es über die grünen Hügel immer bergauf. Wie fast überall wachsen hier viele bunte Blumen. Der Hügel zieht sich ganz schön lange, von 2.100 auf 2.800 m. Dann muss ich mühsam eine steile Flanke queren bis es auf einem Rücken wieder bergab geht.

Es hat sich zugezogen und fängt an zu regnen. Bald geh ich in den Wolken durch hohes Gras und bekomme nasse Füße. Der Weg ist schwer auszumachen, doch irgendwann bin ich an dem hübschen kleinen See, der sich zum Glück nicht in den Wolken versteckt. Jetzt nur noch bergab nach Hause. Aber der Weg ist weit und verliert sich oft in Viehpfaden, endlosem Grün und sumpfigem Gelände. Ohne GPS und Offline-Karten-App (ich nutze übrigens Osmand) wäre ich ganz schön aufgeschmissen. Ich hab schon lange keine Lust mehr, als endlich Jyrgalan wieder in Sicht kommt. Ich dusche und Naisira kocht mir einen Tee und reicht dazu selbstgebackenen Kuchen.

Samstag, 17. Juli 2021

Jyrgalan

Heute mach ich Ernst mit dem Erholen und häng ab mit Lesen, Sudoku, Internet, auch Bearbeiten meiner Seite. In dem Superminilädchen geh ich einkaufen, meine Lebensmittelvorräte für Enylchek auffüllen. Auch Benzin in einer Limoflasche bekomme ich da, für meinen Kocher. Die achtjährige Tochter von Naisira begleitet mich. Im Lädchen ist der Bär los und die resolute Kirgisin managt alles von ihrem 20 cm hohen Schemmelchen. Nachmittags mach ich noch eine kleine Spazierrunde durchs Tal.

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