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#071 – Norwegen: Von Rjukan bis Gol und weiter über den Mjølkevegen ins Gudbrandsdalen

3. bis 9. August 2026: Über Berg und Tal und die „Milchstraße“ (Mjølkevegen) fahre ich über teils hochliegende, karge Fjelllandschaft von Rjukan bis ins Gudbrandsdalen bei Kvam.

4. August 2026: Vom Uvdal zum Strandafjorden

Auch heute stehen tausend Höhenmeter auf meinem Programm, diesmal in drei Happen. Der erste hat fünfhundert Meter. Danach kommen zwei kleinere. Die Landschaft hat nicht so viel Abwechslung zu bieten. Unten ist Wald, oben baumloses Fjell, recht eintönig.

Dafür war mein inneres Erleben am Morgen schon produktiv, in zweierlei Hinsicht. Bei einer Wahrnehmungsübung begegnete ich dem kleinen Kai, Grundschulalter, der zwei, drei Mal Geld geklaut hat. Ich sehe mich vor der Schublade in der Küche meiner Oma, aus der ich drei Mark klaue. Ich weiß, das ist verboten. Was bewegt mich? Es geht nicht darum, dass ich das Geld haben will oder mir etwas kaufen. Ich weiß nicht, was meine Bedürfnisse sind. Niemand unterstützt mich dabei, das rauszufinden. Und schon gar nicht, sie zu erfüllen. Ich handle aus dieser Not und Bedrängnis.

Mein Vater hat so einen Blick überhaupt nicht. Er verprügelt mich. Nicht aus Zorn, sondern aus schwarz-pädagogischem Kalkül. Er hält es für seine erzieherische Pflicht, um zu verhindern, dass ich vom rechten Weg abkomme. Im Nachhinein fehlen mir die Worte für sein Handeln.

Das zweite Thema am Morgen betrifft das Buch, das ich gerade lese. "Schnee" von Yrsa Sigurdardóttir, ein Thriller aus Island. Spannend ohne Frage, aber auch gruselig. In allen drei Handlungssträngen geschehen unerklärliche Dinge. Stimmen, Geräusche, Schatten. Der Grusel kommt bei mir an. Ich überlege, ob ich weiterlesen soll. Hab Angst, dass ich auch Komisches wahrnehme, so viel wie ich alleine in der Natur bin.

Dann wird mir klar, dass die Seiten, die das Buch in mir anspricht, auch in mir vorhanden sind. Seiten, die von Grusel und Horror geprägt sind. Und mutmaßlich existieren. Im Verborgenen, Unterbewussten. Bislang habe ich sicherlich alles dafür getan, solche Seiten zu verdrängen. Vielleicht hilft mir das Buch, mich dafür zu öffnen. Dieser Ansatz fühlt sich ganz stärkend an. Und nicht so hilflos wie die Angst vor Grusel.

Zurück zu meiner heutigen Tour. Ich lande in Geilo und esse Pizza. Der Ort ist ein Zentrum für Bergsport. Ich klappere drei Sportläden ab. Der Pumpsack für meine Isomatte ist undicht und pumpt nur noch lasch. Alle drei Läden haben nur ein Konkurrenzprodukt, das nicht passt, empfehlen mich aber ganz freundlich an die anderen Läden weiter. Wow, in Deutschland ist mir sowas noch nicht passiert.

Durch langweiligen Wald radle ich das Hallingdal abwärts. Am Strandfjorden finde ich einen schönen Picknickplatz direkt am Ufer. Die Straße verläuft auf der anderen Talseite, so dass ich bis auf Verkehrslärm meine Ruhe habe.

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